Zum Jahresanfang lief ich irgendwie im gewohnten Trott: Gruppenstunden in der Hundeschule, mehrfach die Woche Stalldienst und zusätzliche Versorgung meines kranken Pferdes, Therapie, Krisen im nahen Umfeld. Immerhin hatte ich endlich wieder ein Auto mit funktionierender Heizung.
Meine Gruppenstunden machten mich sehr glücklich, ich hatte Spaß bei der Arbeit, mochte die Menschen und Hunde total gerne und konnte meine Kreativität in der Gestaltung und Ausführung ausleben. Dennoch wurde in mir der Wunsch immer größer, etwas ganz eigenes zu machen. Aus den Träumen wurden nach und nach konkrete Pläne und ich teilte meiner Chefin die Entscheidung mit. Neben all den Dingen, die eh schon zu tun waren, kam nun auch die Planung einer Selbstständigkeit dazu.
Abschiede & schmerzhafte Verluste
Leider verschlechterte sich der Zustand meines Pferdes zunehmend und Anfang April, kurz vor ihrem 25. Geburtstag ist sie mit einem dicken Büschel Gras im Maul von uns gegangen. Ich nahm schnell meinen Alltag wieder auf und versuchte die Gefühle eher analytisch zu betrachten, statt sie zu fühlen. Neben der Trauer um mein Pferd kam nämlich auch die Trauer um meinen Hund Karlchen zurück, welchen ich 2023 bis zuletzt begleitet habe.
Anfang Mai kam der nächste Schock: unser 10-jähriger Kater wirkte plötzlich nicht mehr fit und zog sich ungewöhnlich zurück. Wir wollten zum Tierarzt, konnten ihn aber nicht mehr finden. Eine ganz liebe Hundebesitzerin, die mit ihrem Hund zur Auslastung und zum Spaß Mantrailing betreibt, kam sogar spontan vorbei und hat uns beim Suchen geholfen. Leider hatten wir an dem Tag keinen Erfolg und so hofften wir zwar auf eine Rückkehr vom Kater, vermuteten es aber eher nicht. Mitte Juni wurde er gefunden und hat zumindest eine schöne Ruhestätte an einem seiner Lieblingsorte bekommen. Aber es sollte noch schlimmer kommen: Ende Juni 2025 starb plötzlich mein 31-jähriger Bruder.



Am 26.06.2025 hatte ich abends eine Gruppenstunde und plauderte danach noch eine Weile mit einer Halterin. Mein großer Bruder schloss sich diesem Gespräch ebenfalls an. Ich arbeitete nicht mehr in der Hundeschule und führte meine ersten eigenen Stunden durch. Am folgenden Tag stand eine längere Fahrt gemeinsam mit einer lieben Kollegin und Freundin an, wir wollten am Sommerfest von Karin Petra Freiling teilnehmen. Das sollte mein Motivationsschub sein, um voll durchzustarten.
Aufgrund der bevorstehenden Reise und noch anstehenden To dos dafür, schlug ich meinem Bruder die Bitte ab, ihn an diesem Abend noch einmal umherzufahren. Wir umarmten und verabschiedeten uns, seine letzten Worte an mich waren: „Bis gleich im Discord.“ (Discord ist eine digitale Plattform zum Kommunizieren und Austauschen zB über Gruppenanrufe)
Ich machte mich ebenfalls auf den Weg, der zunächst in die gleiche Richtung führte. So überholte ich meinen Bruder und sah dabei zu, wie er in meinem Seitenspiegel immer kleiner wurde. Währenddessen lief in meinen Gedanken im Hintergrund der Song See you again von Wiz Khalifa.
Ich glaube, ich war an dem Abend selbst gar nicht mehr im Discord. Am nächsten Tag ging es wie geplant los und ich telefonierte zwar abends spontan mit meinem Vater, hatte aber ansonsten wenig Kontakt über mein Handy. Das änderte sich am nächsten Tag schlagartig, als ich eine Nachricht von einem Kumpel bekam, der meinen Bruder nicht erreichen kann. Ich weiß nicht, was an der Situation anders war, kam es doch durchaus vor, dass mein Bruder mal zwei Tage nicht auf Nachrichten reagiert hatte. Aber ich hatte direkt ein Bauchgefühl und das war nicht gut.

Es folgten die wohl schlimmsten 24 Stunden meines Lebens. Ich versuchte aus der Ferne irgendwas herauszufinden, telefonierte mit Freunden und Familie, Krankenhäusern und der Polizei. Nachts erstellte ich einen Suchaufruf und postete ihn. Am nächsten Morgen war mein Vater schon auf dem Weg in meine Heimat, meine Mutter hatte ihre Reise ebenfalls abgebrochen und auf dem Rückweg. Ich konnte auch endlich starten, nachdem ich die verschiedenen Helfer zur Suche ein wenig koordiniert hatte. Noch auf der Rückfahrt bekam ich durch den Aufruf einen Hinweis, welcher schließlich dazu führte, dass wir meinen Bruder leblos auffanden. In den Stunden danach versuchte ich allen Menschen, die meinem Bruder nahe waren, die Nachricht so schonend wie möglich zu überbringen. Organisierte Menschen, die für sie da sein konnten und telefonierte direkt mit ihnen oder lies andere nahe Menschen telefonieren. Danach änderte ich meinen Suchaufruf, damit die Tipps und Nachrichten aufhörten und die Menschen Bescheid wussten. Ich bin froh, dass ich es bei fast allen Liebsten geschafft habe, dass sie diese Nachricht nicht durch einen Post auf Social Media erfahren mussten. Das war mir so aber nur möglich, weil ich selbst gute Unterstützung hatte. Außerdem hat dieses „Funktionieren“ wunderbar von Gefühlen abgelenkt.
Funktionieren und Analysieren statt Fühlen und Verarbeiten
Ich pausierte mein Training auf unbestimmte Zeit und beschäftigte mich zusammen mit meiner Mutter viel mit der Organisation von Allem sowie der Planung der Beerdigung. Schnell war klar, dass es neben einer Beisetzung als Trauerfeier eine Party geben soll, auf der vor allem mein Bruder sich wohlgefühlt hätte. Die Trauerrede war mir ebenfalls enorm wichtig, aber die Sorge darum absolut unbegründet. Der Tag war insgesamt ein sehr schöner und würdiger Abschied und mir kommen immer noch die Tränen, wenn ich daran denke, wie viele Menschen da waren. Was für einen Einfluss mein großer Bruder auf so viele verschiedene Menschen hatte.
Nach der Trauerfeier gab es eine weitere Möglichkeit des Abschieds: Die Stampfnacht – ein Musikfestival mit bis zu 1.200 Leuten – stand in diesem Jahr zum letzten Mal auf unserem Gelände an. 10 Jahre zuvor fand sie zum ersten Mal bei uns statt, zustande gekommen durch meinen Bruder. Dass es nun die letzte sein wird, war schon vor seinem Tod geplant – bekam jetzt aber noch mal mehr Bedeutung.
Wir sind uns alle einig, dass die letzte Stampfnacht seine liebste gewesen wäre und im Geiste war er auf jeden Fall dabei.
Körper setzt entscheidende Grenze, Zeit zum Fühlen, Erholen und Gesund werden
Nach einer Weile fing ich wieder mit dem Hundetraining an. Das tat mir definitiv gut, aber lenkte auch wunderbar davon ab, dass es mir eigentlich nicht gut ging. Neben der ganzen Trauer und generell meinen psychischen Themen beschäftigte mich auch mein Körper schon seit einer ganzen Weile. Die Symptome davon wollte ich aber nicht wahrhaben und schob sehr vieles auf den Stress und all die Erlebnisse.
Wie genau mein Körper dann die Notbremse gezogen hat, erzähle ich im nächsten Beitrag. Danke, dass du hier warst!

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